Der Brunnen des Sefer Aga – Sefer Ağa Çeşmesi: 3. Die nähere Umgebung des Brunnens abseits von Touristenpfaden Der Brunnen ist eingebettet in ein Viertel, dessen wenige noch erhaltene "sprechende" Straßennamen etwas über die früheren Bewohner verraten: Die Straße der "Verfertiger von Steintrögen" (Taş Tekneler Sokağı), die Straße der Eimermacher (Kovacılar Caddesi). Auch heute werden noch viele Häuser in diesem Viertel von kleinen Handwerksbetrieben und ihren Familien genutzt: Unten sind die "Geschäftsräume", in den Stockwerken darüber die Privaträume. Einige der echten alten Häuser aus Holz in der Nähe der Süleymaniye-Moschee sind restauriert. Andere Straßennamen gedenken Menschen, die eine Beziehung zu diesem Viertel gehabt haben, wie z.B. die Ayşe Kadın Hamamı Sok., die "Straße des öffentlichen Bades von Frau Ayşe", das diese in zwei Stockwerken 1760 n.Chr. hatte errichten lassen. Das ganze Viertel namens Vefa ist benannt nach dem großen Gelehrten und Wohltäter Şeyh Vefa (Ende 15., Anfang 16. Jahrhundert), der hier eine Moschee, ein öffentliches Bad (hamam), Schulen (Medresen), eine Karawanserei für die Unterbringung auswärtiger Reisender und eine Armenküche (imâret) stiftete, wobei vor allem Obdachlose versorgt werden sollten. Lassen wir den Brunnen links hinter uns und gehen wir die Süleymaniye
Caddesi entlang, kommen wir zunächst an den restaurierten
Holzhäusern vorbei und gelangen schließlich zum großen
Areal der Stiftungen von Sultan Süleyman Kanûnî, dem
Gesetzgeber, "Soliman dem Prächtigen" (regierte 1520-1566
n.Chr.) mit der eindrucksvollen, über Landesgrenzen hinaus bekannten
Moschee, den Grabbauten, dem Krankenhaus (das heute noch zu diesem Zweck
genutzt wird), der Armenküche, Karawanserei und vier Schulen, je
zwei auf der Süd- und zwei auf der Nordseite der Moschee. Auf dieser
Seite liegt in einem dreieckigen kleinen Garten das Grabmal von Sinan
(1490-1588 n.Chr.), dem großen Baumeister, dessen Werken wir
in Istanbul immer wieder begegnen und der auch diesen Stiftungskomplex
erbaut hat. In der Verlängerung der Süleymaniye Caddesi, aber
rechterhand, stößt man gegen Ende des Weges auf eine hohe
einfache Mauer – dort, wo jetzt die Touristenbusse halten –,
die sich oberhalb dieser Straße bis zum Beyazitplatz zurückverfolgen
läßt. Dahinter liegen die Gebäude einiger Fakultäten
der Istanbuler Universität.
Unmittelbar nach Durchschreiten des Bogens sehen wir rechts, an die Südseite des Aquädukts angelehnt, die gepflegten Ruinen eines großen komplizierten Baukomplexes, der Kalenderhane Camii, früher Kyriotissa-Kirche. Ursprünglich fand sich hier, sehr praktisch am Aquädukt, ein römisches Bad in Privathand, d.h. kommerziell genutzt; dann wurde darauf und darüber eine frühbyzantinische Basilika gebaut, An- und Umbauten folgten, von 1180 bis 1200 war es die Kyriotissakirche.Während der sog. Lateinischen Herrschaft von 1204 bis 1261 (im Anschluß an den 4. Kreuzzug) dienten Räume vermutlich als Kloster für die Dominikaner. Hier entstand auch zwischen 1228 und 1261 der älteste bekannte Zyklus über das Leben von Franz von Assisi (1181 oder 1182 bis 1226 n.Chr.), Jahrzehnte älter als die Fresken von Giotto und seinen Schülern. Die geborgenen und restaurierten Fresken, darunter das Motiv "Franziskus predigt den Vögeln", sind im Archäologischen Museum in Istanbul ausgestellt, das auch an den archäologischen Arbeiten beteiligt war. Erhalten hat sich ferner eines der ältesten Bilder von Franziskus: der Kopf mit Nimbus und die Schultern. Nach der Eroberung 1453 wurde der Komplex Moschee mit Schulen, Armenküche usw., eine regelrechte wohltätige Stiftung, die von der Stiftung der Fatih-Moschee finanziell unterhalten wurde. Einzelheiten finden sich in dem prächtigen Band Kalenderhane in Istanbul von Cecil L. Striker und Y. Dogan Kuban (Mainz 1997 und 2007). Der kleine Rundgang in der näheren Umgebung des Brunnens von Sefer Aga zeigt nicht nur die wechselvolle Geschichte von Byzanz – Konstantinopel – Istanbul auf relativ engem Raum, sondern gewährt auch Einblicke in eine andere Türkei, abseits von touristischen Attraktionen (gegen die ich gar nichts sagen will) oder den leidigen Diskussionen über Integration, Kopftuch und "Migrationshintergrund" in Deutschland. |
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